Persönlichkeit & Potenzialentfaltung

Persönlichkeitsentwicklung ist in aller Munde, und wenn man sich so umschaut, scheint es niemanden zu geben, den die „Persönlichkeit“ nicht interessiert. Ganz gleich, ob es um die eigene Persönlichkeit geht oder die von anderen oder sogar um die von Tieren. Was Persönlichkeit ist, ist dabei mehr oder weniger umstritten. An diversen Definitionen versuchen sich mit schöner Regelmäßigkeit alle möglichen Kreise, und alle fassen ihre Definitionen so, dass sie auf das, was sie zu erfassen suchen, möglichst gut passen. Entsprechend gibt es über Persönlichkeit, Persönlichkeitstests, Persönlichkeitsmerkmale, Persönlichkeitsstörungen und auch Persönlichkeitsentwicklung diverse Theorien, Auffassungen, Heilungs-, Behandlungs- und Transformationsansätze. Alles, was in irgendeiner Weise damit zu tun hat, boomt wie nie.

Kein Wunder – schließlich ist unsere Persönlichkeit doch verantwortlich dafür, wie weit wir es im Leben bringen, oder? Und wenn wir Persönlichkeitsmerkmale oder gar Persönlichkeitsstörungen haben (oder zu haben glauben), die unser Weit(er)kommen im Leben, im Job, in einer Beziehung oder sonstwo be- oder gar verhindern, dann liegt der Gedanke, unsere Persönlichkeit weit(er) zu entwickeln, nur allzu nahe. Oder?


Deine Persönlichkeit ist nicht, was Du bist


Klaus A. Schneewind schrieb mal in einem Essay für spektrum.de, dass „zum Verständnis der menschlichen Persönlichkeit (…) eine Fülle von Theorien und methodischen Zugangsweisen (existiert), denen ihrerseits unterschiedliche wissenschaftstheoretische Positionen und Menschenbildannahmen zugrunde liegen“. Schön hat er das geschrieben – und zutreffend. Denn besser lässt sich nicht auf den Punkt bringen, was vager kaum sein könnte. Nichts Genaues weiß man nicht, möchte man festhalten, um sich in Sachen Persönlichkeit nicht auf Diskussionen rund um Theorien einlassen zu müssen – auch, wenn die echt interessant sein können. Schauen wir zur Abwechslung aber einfach mal darauf, wie das, was wir als unsere Persönlichkeit betrachten (be-trachten!), überhaupt entsteht.


Persönlichkeit ist auf den ersten Blick nichts Körperliches, sondern eher etwas, das man salopp ausgedrückt als „psychisch“ bezeichnen möchte. Was „psychisch“ ist, wird jedoch tatsächlich in unserem Nervensystem verkörperlicht, und wie wir wissen, entwickelt sich das in Anpassung an das Umfeld, in dem wir uns befinden bzw. befunden haben – vom Augenblick der Entstehung unseres Nervensystems an, lange, lange vor unserer Geburt. Die Welt, die uns insbesondere im Verlaufe unserer frühen Entwicklung bis durch die Pubertät hindurch umgab, ist die, an die sich unser Nervensystem angepasst hat, damit wir bestmöglich in „unserer Welt“ zurechtkommen.


Persönlichkeitsentwicklung – was ist „unsere Welt“?


„Unsere Welt“ ist die, die wir erschaffen – mit unseren Gedanken, die auf unseren Gefühlen beruhen. In der Regel lassen sich diese Gefühle ändern, indem wir unsere Gedanken ändern. Wenn das nicht funktioniert, beruhen unsere Gefühle häufig auf belastenden oder sogar traumatischen Erlebnissen und sind mit Körper-Erinnerungen verbunden, also solchen, zu denen wir über bewusste Bilder und Episoden keinen Zugang haben. Körper-Erinnerungen (sogenannte implizite Erinnerungen) beziehen sich nicht nur auf Belastungen, sondern auch auf „gute“ Dinge, die uns widerfahren sind. Tatsächlich erinnert sich unser Körper an alles, was er je er- oder durchlebt hat – auch, wenn wir keine entsprechenden Bilder in unserem Gedächtnis abrufen können und deshalb sagen, wir erinnern uns nicht.


Man kann sagen, alles ist Erinnerung, jedes Gefühl, jede Interpretation einer Empfindung, jede Schlussfolgerung, jede Wahl, die wir treffen, ob bewusst oder unbewusst. Das gilt auch hinsichtlich von Strategien, die wir wählen, um bestimmte Ziele zu erreichen, Ziele, die wiederum aus Wünschen und Bedürfnissen erwachsen, die auf Erinnerungen beruhen. Jede Motivation, jede Befürchtung, jede Meinung und jede Überzeugung lässt sich auf etwas zurückführen, was uns „früher einmal“ passiert ist – ganz gleich, ob es für uns positiv oder negativ gewesen ist. Manches davon ist oder wird uns im Laufe der Zeit bewusst. Anderes bleibt unbewusst. Beides steuert so oder so unser Verhalten und unsere Sicht auf die Welt, auf uns selbst und andere Menschen (und auch auf Tiere, mit denen wir in Beziehung sind). Unser ganz individuelles So-Sein wie es in unserem Verhalten und unserer Sicht auf die Welt zum Ausdruck kommt, bezeichnen wir dann als unsere Persönlichkeit. Im Grunde besteht diese unsere Persönlichkeit aber aus nichts anderem als dem, was wir im Verlaufe unseres Lebens an Anpassung generiert haben – eben aus dem, was uns an Gutem und nicht so Gutem passiert und Erinnerung geworden ist. Ob innere Bilder an diesen Erinnerungen hängen oder „nichts“ außer Gefühlen und Körperempfindungen (die in bestimmten Situationen oder durch „Trigger“ wachgerufen werden), spielt keine Rolle.


Persönlichkeits-Ab-Wicklung statt Persönlichkeits-Ent-Wicklung


Anpassungen können uns Vorteile verschaffen – immer aber limitieren sie uns auch. Am meisten limitieren sie uns, wenn sie uns Nachteile verschaffen, wenn wir „mal-adaptiv“ reagieren, etwa mit Schuldgefühlen, der Verleugnung oder Aufopferung eigener Bedürfnisse, der Unterdrückung von Gefühlen, der Flucht in Süchte, Abhängigkeiten, Verhaltens- und Erklärungsmuster und ähnliches, um zu kompensieren. Das meiste davon läuft unbewusst ab, weil wir basierend auf unseren Erinnerungen im Laufe unseres Lebens entsprechende Datenautobahnen in unseren Nervensystemen angelegt haben. Nicht freiwillig – sondern weil wir als lebende Organismen nicht anders können. Das ist keine Fehlfunktion unseres Nervensystems, ganz im Gegenteil. Es sichert uns das Überleben. Und was sich im Erwachsenenalter als mal-adaptiv herausstellt, hat einst für unser Überleben gesorgt.


Persönlichkeitsentwicklung müsste ihr Augenmerk eigentlich auf unsere Datenautobahnen richten und deren Nützlichkeit und Nutzwert hinterfragen. Und auf die Möglichkeit, diese Datenautobahnen mit mal-adaptivem Charakter still zu legen und den Verkehr umzuleiten. Das Zauberwort hierbei lautet Neuroplastizität und besteht darin, dass wir uns unserem Fühlen und Verhalten bewusst zuwenden. Wir müssen dazu nicht in alten Erinnerungen wühlen oder versuchen, Dinge, an die wir uns nicht bewusst erinnern, ans Licht zu zerren. Im Gegenteil. Liegen unserem Fühlen und Verhalten Belastungen oder gar Traumata zugrunde, kann ein „ans Licht zerren“ sogar in einer Re-Traumatisierung münden. Das Hier und Jetzt ist wichtig, nicht die Vergangenheit. In der Vergangenheit liegt keine Zukunft hat mal jemand sehr weise gesagt.


Persönlichkeits-Ab-Wicklung und das authentische Selbst


Wenn wir uns im Rahmen von „Persönlichkeitsentwicklung“ unserem Fühlen und Verhalten zuwenden, begeben wir uns auf Entdeckungsreise zu unserem authentischen Selbst, unserem „wilden“ Selbst, das nicht angepasst ist und sich nicht anpasst, ganz gleich, welche Vor- oder Nachteile ihm daraus erwachsen. Unser wildes Selbst unterdrückt nichts, nur weil es sich etwas davon verspricht oder Angst vor dem hat, „was dann sein könnte“. Es fürchtet die Konsequenzen nicht, die aus Authentizität erwachsen können, weil es die Fähigkeit und Kapazität besitzt, in sich selbst zu ruhen und mit den Gezeiten des Lebens mitzugehen. Eine rein „psychische“ Fähigkeit ist das nicht – die entsprechende Fähigkeit und Kapazität ist tatsächlich im Nervensystem verkörperlicht, auf das wir dank Neuroplastizität Einfluss haben und das wir entsprechend bewusst so weiterentwickeln können, dass es uns dient, anstatt uns zu limitieren.


Dem wilden, authentischen Selbst kommen wir näher, je mehr wir den Zwang zur Identifikation mit unseren Anpassungen abbauen, je mehr wir uns also von dem entfernen, was wir als unsere Persönlichkeit betrachten. Persönlichkeitsentwicklung läuft im Zuge sprichwörtlich auf die Abwicklung der Persönlichkeit hinaus – und entfaltet genau dadurch nach und nach unser volles Potenzial.


Worin liegt Dein Potenzial?


In dem, wozu Du befähigt bist, weil Du Du bist. In allem, was in Dir gespeichert ist. In allem, was Du vom Leben in Dich hineinlassen und aus Dir heraus in die Welt bringen kannst. Dein Potenzial liegt in Deiner Empfindungsfähigkeit, Deiner Kreativität, Deiner Lebensfreude, Deinem In-Frieden-Sein mit dem, was ist, Deinem Mut, das zu verwirklichen, wovon Du möchtest, dass es für Dich sein soll. Andere mögen Dich dann als „starke Persönlichkeit“ betrachten – tatsächlich bist Du aber nur Du selbst.

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