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Gewaltfreie Kommunikation (GfK)

mit Mensch & Tier

Zugegeben: Tiere hatte Marshall B. Rosenberg selbst nicht im Sinn, als er in den frühen 1960er Jahren die Gewaltfreie Kommunikation (GfK) entwickelte. Dennoch lässt sich das Prinzip auf Mensch und Tier gleichermaßen anwenden, ungeachtet der Tatsache, dass Tiere – genau wie noch sehr kleine Menschen (bisweilen auch beeinträchtigte oder sehr alte Menschen) – nicht sprechen können wie wir. Der Grund für dieses in der GfK liegende Potenzial entfaltet sich in dem, was Gewaltfreie Kommunikation tatsächlich ist – und was nicht. Anders als viele der „herkömmlichen“ Methoden in Sachen Kommunikation bedarf die GfK der Sprache nicht, auch, wenn sie sich der Sprache bedienen und in Sprache einen Ausdruck finden kann.

Wenn wir dem Prinzip der GfK folgen, drückt sich das nicht nur in dem aus, was wir sagen und wie wir etwas sagen. Es drückt sich in unserer ganzen Haltung aus – und damit in unserem Zuhören ebenso wie in unserem Handeln, unseren Interpretationen und Schlussfolgerungen, unserer Sicht auf uns selbst und andere wie auch auf die Welt insgesamt, mit all ihren Gegensätzen und Ambivalenzen. Viele GfK-Praktiker sehen die Gewaltfreie Kommunikation deshalb gar nicht als (weitere) Methode an, die man lernen kann, um „besser“ zu kommunizieren. Für sie ist die GfK eine Lebenseinstellung – und damit in ihrer Essenz nichts Geringeres als die Sprache des Herzens. In der man letztendlich nicht nur mit anderen spricht, sondern in Sachen Selbstreflexion und Selbstempathie auch und gerade mit sich selbst.

Die GfK und das „wilde“, authentische Selbst

Bisweilen wird die GfK als „vergessene Sprache der Menschheit“ bezeichnet, eine Formulierung, die aus meiner Sicht nicht so ganz zutrifft. Denn die Sprache des Herzens wird uns sprichwörtlich in die Wiege gelegt. Eigentlich beherrschen wir sie alle, von Anfang an, denn die Sprache des Herzens ist die Sprache unseres Wilden, authentischen Selbst. Je nach dem wie und in welchem Umfeld wir aufgewachsen sind und/oder leben, unter welchen Bedingungen, Belastungen, Erfordernissen und Anpassungen, gelingt es uns besser oder schlechter, uns zum einen in der Sprache des Herzens auszudrücken und zum anderen uns selbst und andere in der Sprache des Herzens zu verstehen.

Wenn wir unser Herz ein bisschen poetisch als „Wohnung der Seele“ betrachten, es grundsätzlich mit Liebe in Verbindung bringen und es in diesem Sinne als Metapher für unser Fühlen erkennen, sind wir in Sachen „Herzverbindung“ direkt bei jenem Organ, das uns Berührung ermöglicht: unserem Nervensystem. Als Sprache des Herzens ist die GfK – weltlich ausgedrückt – die Sprache, in der unser Nervensystem „spricht“. Zu uns selbst ebenso wie es uns zu anderen sprechen (und uns diese anderen verstehen) lässt, denn Fühlen ist das, was uns und andere sprichwörtlich bewegt und berührt – in all unserem Tun und Sagen (und all unserem Nicht-Tun und Nicht-Sagen).

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Wie funktioniert Gewaltfreie Kommunikation?

In der Zuwendung zum Fühlen liegt die Hauptsäule der GfK: wenn etwas geschieht, das Emotionen oder auch nur Körperempfindungen in uns wachruft, sagt die GfK „fühl da hin“. GfK ermutigt, Gefühle zuzulassen – und zu erforschen, woher sie stammen. Angenehme Gefühle deuten darauf hin, dass sich durch das, was geschehen ist, etwas erfüllt hat, was wir brauchten, wollten oder uns gewünscht haben. Unangenehme Gefühle offenbaren, dass das nicht der Fall ist oder war. Entsprechend verhalten wir uns – zumeist in der Absicht, unangenehme Gefühle möglichst schnell loszuwerden oder angenehme zu feiern, auszudehnen oder möglichst wieder zu haben. Die Strategien, die wir dazu wählen, basieren häufig auf unseren frühe(re)n Erfahrungen, sind uns vielfach nicht bewusst und damit regelrecht „automatisiert“. Das bringt uns leicht in Schwierigkeiten – und da man bekanntlich nicht nicht kommunizieren kann, durchdringt unbewusstes und „automatisiertes“ Verhalten unser ganzes Leben und mit ihm all unsere Beziehungen, Verbindungen und Kontakte, ganz gleich wie groß oder klein unsere Fähigkeiten und Kapazitäten sind, mit uns selbst oder/und dem jeweiligen Gegenüber in Berührung zu kommen. Je kleiner unsere Kapazitäten sind, desto wahrscheinlicher sind „Kommunikationsprobleme“ im weitesten Sinne – mit zweibeinigen Gegenübers genauso wie unter Umständen mit vierbeinigen. Die GfK kann uns hier auf sehr einfühlsame und elegante Weise heraushelfen aus der Misere – und uns ganz nebenbei aufzeigen, dass das, was wir wirklich für andere tun können, in allererster Linie von unserer Fähigkeit abhängt, gut zu uns selbst zu sein.

Als „Sprache des Herzens“ betrachtet die GfK jedes Verhalten (ganz gleich, ob es um das Verhalten eines anderen Menschen oder das eines Tieres geht) als Ausdruck situativen Fühlens, Wünschens und Brauchens. Das tut die GfK empathisch und ohne zu be- oder zu verurteilen. Empathisch zu sein bedeutet dabei ausdrücklich nicht, ein beispielsweise schädigendes Verhalten zu rechtfertigen, zu entschuldigen oder gar zu legitimieren. Empathie trennt das Verhalten aber vom individuellen So-Sein des Individuums. Auch wenn ein Verhalten also nicht o.k. sein mag, das Individuum ist trotzdem und immer o.k. Es darf so sein wie es ist, denn es ist nun mal so und dass es ist wie es ist, ist nicht seine Schuld. Und es darf „Fehler“ machen, denn Fehler sind Helfer, sie werden sogar aus denselben Buchstaben gemacht, wie es so schön heißt.

GfK: Verantwortung für eigenes Fühlen
und Verhalten übernehmen

Für mich persönlich ist die GfK der einfachste Weg, um auf emotionaler Ebene mit sich selbst und anderen von Be-Ziehung und Ver-Bindung in Berührung zu finden (mehr darüber in meinem Artikel Warum Berührung der Schlüssel ist). Das gilt vor allem dann, wenn innerhalb einer Beziehung, innerhalb einer Verbindung die Kommunikation "schwierig" oder sogar blockiert ist. Meist ist sie das bei allen Beziehungsbeteiligten, weil die Betroffenen mit sich selbst nur unzureichend in Berührung sind (da mit sich ver-bunden bzw. in Be-Ziehung). Es spielt keine Rolle, ob das dem Einzelnen bewusst ist oder nicht. Beeinträchtigungen oder Blockaden geben sich dadurch zu erkennen, dass in einer Beziehung etwas nicht funktioniert oder zu fehlen scheint. Es ist dabei gleich, ob es sich bei dieser Beziehung um eine Arbeitsbeziehung, eine Eltern-Kind-Beziehung, die Beziehung zu einem Freund, einer Freundin oder zu den Eltern, um eine Liebesbeziehung, die Verbindung zu einem Seelenpartner oder eine Mensch-Tier-Beziehung handelt.

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Verantwortung heißt antworten, nicht reagieren

Je mehr wir mit einem Gegenüber in Be-Ziehung sind und/oder je mehr wir ver-bunden sind, desto mehr neigen wir dazu, auf das, was unser Gegenüber sagt oder tut, nicht sagt oder nicht tut, zu reagieren. In welcher Form wir reagieren, hängt davon ab, ob das Sagen oder Tun, das Nicht-Sagen oder Nicht-Tun unseres Gegenübers angenehme oder unangenehme Gefühle in uns auslöst. Eine Reaktion besteht also in dem, was jeweils ausgelöst wird (was uns in welcher Weise berührt) – ein angenehmes oder unangenehmes Gefühl, verbunden mit genau dem Verhalten, zu dem wir uns unmittelbar „hingerissen“ fühlen, eben weil wir fühlen wie wir fühlen. Wenn das Sagen oder Tun, das Nicht-Sagen oder Nicht-Tun eines anderen beispielsweise Wut, Frustration und Ärger in mir auslöst und ich mein Gegenüber deshalb ausschimpfe, anschreie, heruntermache oder ähnliches, reagiere ich. Ob in dieser Reaktion aber auch eine Antwort liegt, steht auf einem ganz anderen Blatt – egal welche „Antwort“ ich glaube, gegeben zu haben.

Antworten zu können setzt voraus, berührt zu sein. In erster Linie in Berührung mit sich selbst, in zweiter Linie mit dem anderen. Nur, wenn ich in Berührung mit mir selbst bin und hinterfrage, warum das Sagen, Tun, Nicht-Sagen oder Nicht-Tun meines Gegenübers Wut, Frustration und Ärger in mir auslösen kann – um beim obigen Beispiel zu bleiben – kann ich die Ursache identifizieren, auf der meine Reaktion beruht. Die Ursache ist nie der Auslöser – der Auslöser ist nur derjenige, der mich mit der Nase auf die Ursache stößt bzw. durch sein Sagen, Tun etc. dafür sorgt, dass mir die Ursache um die Ohren gehauen wird. Damit ich mich damit auseinandersetzen kann – denn allein würde ich schwer darauf kommen (da löst mich ja nichts aus …). Ursachenforschung und Selbstreflexion liegen dem zugrunde, was eine Antwort ausmacht und erfordert: Authentizität.

Gewaltfrei kommunizieren bedeutet,

authentisch zu kommunizieren

Es ist die Authentizität, die aus dem Sich-Berühren-Lassen und dem Berührt-Werden-Können erächst, die Reaktion und Antwort voneinander unterscheidet – und auch erklärt, warum es das Wort Verantwortung gibt, nicht aber ein Wort, das "Verreagierung" hieße oder so etwas. Das agieren in reagieren deutet zudem darauf hin, dass in einer Reaktion durchaus auch etwas ausagiert werden kann – eben das, was jeweils zur Reaktion führt: ein Gefühl, eine Emotion, verbunden mit etwas, das gewünscht oder gebraucht wird oder wurde und in Sachen unangenehme Gefühle nicht zur Verfügung steht oder stand. Das Problem beim Reagieren ist, dass es zu einem Zeitpunkt stattfindet, in dem (oft) nicht bewusst ist, worin das Gewünschte oder Gebrauchte tatsächlich besteht, in welcher Form es vom Gegenüber geschenkt werden oder sich von mir selbst erfüllen lassen könnte. Letzteres ist von immenser Bedeutung, denn kein Gegenüber (kein Auslöser!) muss sagen oder tun, nicht sagen oder nicht tun, was ich will oder brauche. Umgekehrt muss ich das für den anderen auch nicht. Was ich aber kann – und das ist ein weiterer Aspekt, in dem antworten etwas völlig anderes ist als reagieren – ist, dass ich einfühlsam und bewertungsfrei auf die (mutmaßlichen) Ursachen des Sagens, Tuns, Nicht-Sagens und Nicht-Tuns meines Gegenübers schaue, ebenso nachsichtig (empathisch!) in Bezug auf meine Rolle als Auslöser blicke (und mich nicht fertig mache, weil ich vermeintlich immer an allem „schuld“ bin) und die vorhandenen Gefühle und Bedürfnisse zulasse und anerkenne. All das resultiert dann fast von allein in dem, was eine „richtige“ Antwort ist – und echte Kommunikation auf der Grundlage von Authentizität. Wie man das hinkriegt, lehrt die GfK – mit Worten und auch ohne.

Hinweis
Die Gewaltfreie Kommunikation durchdringt meine gesamte Arbeit, sie lässt sich manchmal aber nicht von dem isolieren, was ich als psycho-somatisches Coaching bezeichne. Denn alles, was wir fühlen (merkbar oder unterdrückt) geht auf Körperempfindungen zurück und damit auf Aktivitäten in unserem Nervensystem. Mithilfe der GfK lässt sich auf emotionaler Ebene viel erkennen und heilen. Emotionen sind aber nicht nur „psychisch“, sondern auch „biologisch“, „physisch“ also. In die physische Ebene, die Körperebene, reicht die GfK nicht aus sich selbst heraus hinein. Wichtig ist das, wenn in Sachen Fühlen belastende Erinnerungen und alle Arten von Traumata zum Tragen kommen (ganz gleich, ob man weiß, dass man ein Trauma mit sich herumschlappt oder nicht). An dieser Stelle sei deshalb auf das psycho-somatische Coaching hingewiesen und auf meinen Artikel Trauma ist nicht, was Du denkst.

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