Plötzlicher Kindstod: Woran niemand denkt

Gerade macht eine aktuelle Studie Schlagzeilen, in der eine weitere mögliche Ursache für den sogenannten „Plötzlichen Kindstod“ untersucht wurde. Demnach soll ein Enzymmangel Grund dafür sein, dass Babys und Kleinkinder im Schlaf „aufhören zu atmen“ und von ihrem „System“ nicht geweckt werden, wenn das passiere. Das könne geschehen, wenn das Enzym Butyrylcholinesterase (BChE) fehle, es sei wichtig für die Kommunikation im Gehirn, so die Forscher.

Wie zu erwarten, wird aus der Studie bereits geschlussfolgert, dass es sinnvoll sei, das Enzym BChE zu messen, um gefährdete Babys frühzeitig erkennen zu können. Andere Forscher widersprechen und halten eine solche Forderung für verfrüht – zumal aus der Studie nicht hervorgeht, ob ein Mangel an BChE nicht seinerseits eine Ursache hat. Außerdem wurden Stimmen laut, die darauf hinwiesen, dass die meisten Fälle von Plötzlichem Kindstod auf Kindstötung zurückzuführen seien. Aus der rechtswissenschaftlichen Literatur gehen tatsächlich hier und da Fälle hervor, in denen Eltern entsprechende Prozesse gemacht wurden. Mit unterschiedlichem Ausgang.


Was in Sachen Plötzlicher Kindstod nicht diskutiert wird


Schlicht und ergreifend: das altersgemäß (!) entwickelte, aber noch nicht reife Nervensystem des Kindes. Wie wir alle wissen, kommen wir Menschen als „physiologische Frühgeburten“ zur Welt. Genau dann, wenn wir mit unserem großen Kopf gerade noch durch Mamas Becken passen. Unser Kopf ist so groß, weil wir so viel Hirn brauchen, um das komplexe Leben eines Menschen leben zu können. Das bedeutet aber zugleich, dass der größte Teil unseres „Gehirnwachstums“ außerhalb des Mutterleibes stattfindet. Es wächst jedoch nicht nur unser Gehirn, sondern unser gesamtes Nervensystem. Und dieses Nervensystem insgesamt braucht bestimmte Umgebungsbedingungen, damit es wachsen kann. Darin unterscheidet sich unser Nervensystem maßgeblich von allen anderen Organen unseres Körpers. Denn es wird nicht nur einfach ein Nervensystem wie ein Herz ein Herz wird, eine Niere eine Niere oder eine Leber eine Leber. Es wird ein hochindividuelles, einzigartiges und einmaliges Nervensystem, dessen Kapazität und Funktion von sämtlichen Einflüssen geprägt werden, denen ein Kind vor allem in den ersten Jahren (aber auch darüber hinaus) ausgesetzt ist.


Diese Einflüsse könnten durchaus auch einen Mangel an BChE bewirken. Man weiß beispielsweise bereits, dass inadäquate Ansprache und Aufmerksamkeit in der Babyzeit zu einem grundsätzlichen Mangel am Neurotransmitter Dopamin im Gehirn führt. Stillen ist für den Serotoninhaushalt wichtig. Dergleichen erklärt, warum gute Dinge, die nicht stattgefunden haben, als sie hätten stattfinden sollen, dieselben negativen Auswirkungen haben können wie schlechte Dinge, die stattgefunden haben, obwohl sie nicht hätten stattfinden sollen.


Plötzlicher Kindstod: Hintergrund-Details & autonomes Nervensystem


Der Plötzliche Kindstod tritt im Schlaf auf. Schlaf wird ermöglicht durch den Parasympathikus, jenen Teil unseres autonomen (= nicht willentlich beeinflussbaren) Nervensystems, der für „Beruhigung“ sorgt. Es gibt allerdings zwei Arten von Beruhigung und innerhalb des Parasympathikus entsprechend auch 2 Systeme, die für die jeweilige Art der Beruhigung sorgen: das dorsale Vagus-System und das ventrale Vagus-System. Nur in letzterem wollen wir viel Aktivität haben, denn dann sind wir vertrauensvoll und aufgeschlossen, mit allem Leben um uns herum also verbunden und in friedvollem, harmonischem Einklang. Mithilfe des ventralen Vagus-Systems erkennen wir, ob wir es mit lieben Menschen zu tun haben, von denen für uns keine Gefahr ausgeht oder ob im Einzelfall Vorsichtsmaßnahmen angebracht sind. Wenn wir sagen, wir besitzen „Menschenkenntnis“, weil unser „Bauchgefühl“ genau weiß, wer Freund und wer Feind ist, verdanken wir unsere „Menschenkenntnis“ einem gut funktionierenden – und ausgereiften – ventralen Vagus-System.


Das dorsale Vagus-System hat eine andere Aufgabe. Wir wünschen es uns nur „ein bisschen“ aktiviert, denn das ist erforderlich, um beispielsweise gut schlafen oder gut verdauen zu können. Hochaktiv wird das dorsale Vagus-System nur, wenn wir in Lebensgefahr sind – und das auch erst, wenn wir nicht oder nicht mehr kämpfen oder flüchten können. Die berühmte „Kampf- oder Flucht-Reaktion“ regelt unser Sympathikus. Er „aktiviert“, wo der Parasympathikus „beruhigt“. Zu einer Kampf- oder Flucht-Reaktion kommt es ebenfalls nur in Ausnahmesituationen – dann wird der Sympathikus entsprechend hochaktiv. Im normalen Leben wünschen wir ihn uns ebenfalls nur „ein bisschen“ aktiv, denn das genügt für die meisten unserer „normalen Aktivitäten“.


Was passiert, wenn einem Lebewesen in der Natur weder Kampf noch Flucht möglich sind oder beides nicht erfolgreich ist? Genau: das Lebewesen „kollabiert“. Bei Tieren wird das „Totstell-Reflex“ genannt. Der Begriff täuscht vor, dass sich die Tiere bewusst und willentlich „totstellen“, tatsächlich ist aber das Gegenteil der Fall. Der Körper des Tieres macht das autonom. Das dorsale Vagus-System fährt u.a. Herzschlag und Atmung herunter, senkt den Blutdruck, nimmt die Spannung und Kraft aus den Muskeln und betäubt auch die Sinne, weshalb das Tier kaum bis keinen Schmerz spürt und auch kaum bis keine Angst (mehr) hat. In der Folge wird es ohnmächtig und erlebt seinen Tod nicht. Damit ist das Ganze fast so etwas wie eine „Gnade der Natur“. Und diese Gnade kann das Leben sogar retten, denn wenn irgendetwas geschieht und der Beutegreifer z.B. verjagt wird oder seine Beute „für später“ versteckt, statt sie zu fressen, kann das somatische System des Tieres (auch in der Ohnmacht) mitbekommen, dass plötzlich wieder alles sicher ist – und dann aufwachen und das Weite suchen. Das passiert alles autonom und automatisch. Auch bei uns Menschen, wenn wir in entsprechende Ausnahmesituationen geraten.


Plötzlicher Kindstod infolge eines Verlassen-Werdens


Babys und kleinen Kindern mit ihrem unreifen Nervensystem stehen viele „System-Funktionen“ noch nicht zur Verfügung. Sie können zum Beispiel um Hilfe schreien, aber weder kämpfen noch flüchten. Und sie können schlafen und verdauen, aber anfangs nicht lächeln und eine ganze Weile auch nicht sprechen oder ihre emotionalen Befindlichkeiten regulieren. Für solche sozialen Fähigkeiten brauchen sie das ventrale Vagus-System, und das muss sich erst entwickeln.


Was Babys aber bereits voll funktionsfähig haben – sogar schon in der Zeit vor der Geburt – ist das dorsale Vagus-System. Und dieses kann „anspringen“, wenn das somatische System des Babys meint, dass das Baby in Lebensgefahr schwebt. Und hier liegt ein Knackpunkt in Bezug auf den Plötzlichen Kindstod: denn das Schlimmste, was einem Baby oder Kleinstkind passieren kann, ist verlassen zu werden. Immer wenn das Baby allein gelassen wird, kann das nach seiner Wahrnehmung der Fall sein. Und damit kann das auch passieren, wenn ein Baby zum Schlafen hingelegt wird, insbesondere, wenn der Schlafraum sehr still oder abgelegen ist, „damit das Baby Ruhe hat“.


Zu viel Ruhe kann tödlich sein


Stille ist etwas, worauf Babys sensibel reagieren. Denn Stille meldet ihnen „es ist keiner da“ und für ein Lebewesen, das so hilflos ist wie ein menschliches Baby oder Kleinstkind, bedeutet Stille tatsächlich Lebensgefahr. Entsprechend reagiert ihr autonomes Nervensystem. Es kann sein, dass das Baby anfängt zu schreien – die einzige Kampf- oder Flucht-Reaktion, zu der es fähig ist, für die es aber gar keinen Willen braucht, weil das Schreien autonom gesteuert wird. Ein Baby kann nicht anders als schreien, wenn es schreit.


Es kann aber auch sein, dass es zum Schreien gar nicht kommt, wenn das somatische System des Babys „erkennt“, dass Schreien keinen Sinn hat. Das Ganze ist so tückisch, weil wir es hier eben nicht mit „rationalen Gedanken“, einem Willen oder auch nur Erfahrungen zu tun haben, sondern mit etwas, das sich jeder willentlichen, bewussten Steuerung entzieht und seine ganz eigene autonome Logik hat. Eine Situation, die das autonome „somatische System“ des Babys als lebensgefährlich wahrnimmt, kann dann zur Folge haben, dass das dorsale Vagus-System des Babys hochfährt – und zwar mehr als zum Schlafen erforderlich ist. Der Blutdruck kann dann zu stark gesenkt, Herzschlag und Tiefe sowie Frequenz der Atmung zu stark herabsetzt werden. Gleiches kann im Schlaf geschehen, wenn und weil es nichts gibt, das dem somatischen System des Babys durch den Schlaf hindurch signalisiert „es ist jemand da, alles ist sicher“. Weil dieses System noch so fragil ist, kann es kippen. Ein plötzlicher, unerklärlicher Tod kann die Folge sein.


Daraus erklärt sich auch, warum man Babys nicht schreien lassen und ihnen das Schlafen auch nicht „beibringen“ sollte. Denn alle propagierten Strategien bauen auf einer überschießenden Aktivität des dorsalen Vagus-Systems auf: das Schreien führt nicht dazu, dass jemand kommt, also fällt das Baby in „Schlaf“. Es ist dies kein gesunder Schlaf, auch dann nicht, wenn das Baby wieder aufwacht. Zum Glück tun das die meisten, „Schlaftraining“ kann jedoch ein Trauma begründen, von dem niemand weiß und das nie behandelt wird – aber das gesamte Leben beeinträchtigt. (Mehr zum Thema Trauma in meinem Artikel Trauma ist nicht, was Du denkst und unter Neurosensorisches Training).


Plötzlichem Kindstod vorbeugen


Halten wir kurz fest, dass wir hier über gesunde Kinder sprechen, die altersgemäß entwickelt sind und keine Erkrankungen oder Beeinträchtigungen haben. Liegt eine Erkrankung oder Beeinträchtigung vor, inkludiert jedes Vorbeugen deren Behandlung. Und: nicht jedes Baby muss die Wahrnehmung „ich werde verlassen“ haben, wenn es zum Schlafen hingelegt wird, auch dann nicht, wenn der, der es hinlegt, das Zimmer verlässt etc. Wahrnehmung ist immer individuell und bei jedem verschieden, von Anfang an. Wir müssen beobachten, was „da“ ist und wie das einzelne Kind die Welt sieht. Und dann empathisch an die Dinge herangehen – nicht denken, „was Netty kann, muss Clemens auch können“. Muss Clemens nicht. Schon gar nicht als Baby. Denn ein Baby ist nicht dazu da, irgendjemandes Wünsche, Erwartungen oder gar Bedürfnisse zu erfüllen. Es ist darauf angewiesen, dass seine Bedürfnisse erfüllt werden. Und dass mit seinen Wünschen und Erwartungen empathisch und altersgerecht umgegangen wird.


Das Wichtigste in Sachen „Plötzlichem Kindstod vorbeugen“ ist, Babys und Kinder mit Leben zu umgeben. Je jünger ein Baby ist, desto besser schläft es in Gesellschaft, auch am Tag. Der gute alte Stubenwagen, der dort steht, wo die Familie kocht, isst, redet etc., wo die Katze miaut und durch das geöffnete Fenster ein bisschen Straßenverkehr, das Bellen von Nachbars Lumpi, das Rauschen von Bäumen u.ä. zu hören ist, wo der Wind im Schlaf vielleicht über Babys Gesicht und Hände streichen kann, ist ideal. Noch idealer ist, wenn sich Mama und Papa – vor allem in der Zeit nach der Geburt –die Zeit nehmen, das Baby auf ihrem Bauch oder am eigenen Körper schlafen zu lassen. Und statt des eigenen Zimmers von Anfang an lieber auf ein Anstellbettchen zurückgreifen. Nach Möglichkeit Stillen. Und Babys niemals schreien lassen.


Nicht zu vergessen: die Kommunikation. Aber das ist ein eigenes Thema ;o).

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